Psychoscripte

Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe. Sie kann auch nichts anderes sein. Denn die Innenwelt eines Klienten kann nur ein Mensch umgestalten, nämlich der Klient selbst.

Unsere Innenwelt ist auch der Wissenschaft nicht zugänglich. Man kann sie nicht wiegen, kann kein Zentimetermaß an sie anlegen, man kann sie nicht in einem Reagenzglas auflösen und wenn man unser Hirn mit den modernen bildgebenden Verfahren durchleuchtet, dann sieht man nur unser Nervensystem, aber nicht die Seele.
Wenn jemand behauptet, er kenne ihr Innenleben genau, dann haben Sie einen möglicherweise glaubensstarken Menschen vor sich, aber keinen klugen.

Die Seele ist kein Uhrwerk

Das Ziel jeder Psychotherapie ist die Veränderung der Innenwelt des Klienten, entweder durch Kommunikation (z. B. psychoanalytische Deutungen) oder durch Veränderung der Umwelt (z. B. Belohnung erwünschter Verhaltensweisen). Es versteht sich eigentlich von selbst, dass der Psychotherapeut die Innenwelt seines Klienten (seine Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Motive, Pläne) nicht durch direkte Eingriffe, so wie ein Automechaniker ein kaputtes Auto reparieren kann.

Jeder Mensch kann nur seine eigene Innenwelt gestalten, niemals die von anderen. In der Psychotherapie ist also die Aktivität des Klienten, nicht die des Therapeuten entscheidend. Der Klient kann den Therapeuten als Bild, als Stimme, als Film in seine Innenwelt aufnehmen - und diese "mentalen Repräsentanzen" des Therapeuten in Faktoren der Selbstheilung verwandeln.

Die Eignung des Therapeuten zu diesem Zweck hängt nicht von seiner Therapie-Ausbildung, seiner Berufserfahrung, seinen Orden und Ehrenzeichen ab. Sie hängt auch nicht davon ab, ob er Arzt, Psychologe ist oder nicht. Entscheidung ist auch nicht, mit welcher Methode er arbeitet und mit welcher Theorie er die Störung des Klienten oder deren Behandlung erklärt. Der Therapeut ist rundum gar nicht so wichtig.

Die Chemie muss stimmen

Da der Klient und nur der Klient seine eigene Innenwelt umgestalten kann, ist es ganz entscheidend, ob der Klient etwas mit dem Therapeuten anfangen kann. Die Repräsentanzen (die geistigen Widerspiegelungen) des Therapeuten in der Innenwelt des Klienten müssen zu dessen psychischen Ressourcen passen. Zu diesen Ressourcen zählen neben seinen Stärken, seinen Fähigkeiten vor allem seine Erkenntnisse, also sein Welt- und Menschenbild, seine Theorie der Störungsursachen und der Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten zu ihrer Überwindung.

Nur wenn der Therapeut in der Innenwelt des Klienten zu einer Ressource wird, die mit den anderen Ressourcen "an einem Strang zieht", kann er hilfreich sein. Manche Therapeuten sähen sich doch lieber in einer etwas hervorgehobeneren Position - sei es aus Überschätzung ihrer psychotherapeutischen Methode, sei es aus Eitelkeit, warum auch immer.

Die Wahrheit der Klienten

Der Versuch, eine andere Position einzunehmen, wirkt sich immer schädlich aus. Nicht selten, mitunter mehrmals in der Woche rufen mich Ratsuchende an, die immer wieder das gleiche Lied anstimmen. Sie betrachten sich als multiple Persönlichkeiten, erinnern sich an Missbrauch in der Kindheit und an Programmierungen ihres Verhaltens durch Drogen, Folter, Konditionierung und Hypnose. Sie seien von einem Psychiater oder Psychotherapeuten zum nächsten gepilgert und niemand habe sie verstanden. Meistens habe man versucht, sie zur Einnahme von Neuroleptika zu nötigen - und mit etwas Glück habe man die Diagnose "Posttraumatische Belastungsstörung" gestellt.

Es handelt sich dabei zumeist um Ratsuchende, die erkennbar schwer leiden. Viele Therapeuten können einfach nicht über ihren Schatten springen und die Erklärungsmodelle dieser Frauen akzeptieren. Sie sind nicht willens, sich als stimmige Ressource in die Innenwelt dieser Frauen hereinholen zu lassen. Die Folge sind dann häufig Therapieabbrüche und Misserfolge. Das kostet viel Geld, das anderswo nötiger gebraucht würde.

Natürlich trägt die gegenwärtige pseudowissenschaftliche Hetze wegen des angeblichen "False Memory Syndroms" zu diesem Missstand bei. Aber das ist nur ein extremes Beispiel, wie Klugscheißerei und Besserwisserei auf Seiten der Psychotherapeuten Heilung verhindern oder behindern. Ähnliches könnte ich im übrigen auch über Ratsuchende berichten, die davon überzeugt sind, durch Strahlen manipuliert zu werden.

Es kommt gar nicht darauf an, ob die Erklärungsmodelle der Klienten "wahr" sind oder nicht. Wer will das entscheiden? Der Therapeut kann es jedenfalls nicht nachprüfen, denn er ist weder Polizist, Staatsanwalt oder Richter - und der Klient ist kein Angeklagter und erst recht keine Versuchsperson in einem wissenschaftlichen Experiment. Für den Therapiefortschritt ist es auch unerheblich, ob es sich um "wahre" Erinnerungen oder Phantasien handelt. Seelisches Leiden ist ohnehin immer subjektiv.

Therapieforschung

Meine kritische Einstellung gegenüber der traditionellen Psychotherapie nach dem medizinischen Modell beruht keineswegs nur auf einzelnen handverlesenen Studien. Sie stützt sich vielmehr auf einen generellen Trend, der sich seit mehreren Jahrzehnten in der der empirischen Psychotherapieforschung zeigt und durch zusammenfassende Studien (Meta-Analysen) der Befunde immer wieder bestätigt wird.

Unter "Varianz" versteht man in der Statistik die mittlere quadratische Abweichung eines Messwerts vom Mittelwert. Experimente ermöglichen die Abschätzung des Ausmaßes, in dem einzelne Faktoren für die Varianz der Messwerte verantwortlich sind. Man spricht von Varianzaufklärung.
Die spezifischen psychotherapeutischen Methoden haben keinen, zumindest keinen nennenswerten Einfluss auf das Therapieergebnis. Sie klären maximal 1 % der Varianz der Therapieergebnisse auf. Die Anteil der Therapieergebnis-Varianz, die Psychotherapie insgesamt aufklärt, liegt bei 13 %. Die restliche Varianz ist auf außertherapeutische Faktoren zurückzuführen.

Die Methoden haben maximal einen Anteil von 8 % an der Varianz, die durch Psychotherapie insgesamt (13 %) aufgeklärt wird. 70 % werden durch allgemeine, also methoden-unabhängige Faktoren erklärt.

Unter der Effektstärke der Psychotherapie insgesamt versteht man den Unterschied zwischen psychotherapeutisch behandelten Gruppen und Kontrollgruppen, die keine Behandlung erhielten. Psychotherapie insgesamt (genauer: sich einer Psychotherapie zu unterziehen) ist mit einer durchschnittlichen Effektstärke von 0,80 - gemessen an sozialwissenschaftlichen Maßstäben - zwar sehr effektiv; aber wenn man die klinische Signifikanz betrachtet, gibt es dennoch keinen Grund zum Jubeln. Die klinische Signifikanz ist nur mäßig. Den meisten Klienten geht es nach einer Therapie zwar besser als einer unbehandelten Kontrollgruppe, dies bedeutet aber nicht, dass es ihnen im klinischen Sinne gut geht, dass sie also von einer sinnvollen Referenzgruppe von Menschen ohne die jeweilige Störung nicht mehr zu unterscheiden sind.

Doch man soll die Maßstäbe nicht allzu hoch hängen. Freud hatte recht: Man sollte zufrieden sein, wenn man neurotisches Elend in normales alltägliches Leiden verwandeln kann.

Ein anderer Aspekt wiegt schwerer. Es ist die Kosteneffizienz der gegenwärtigen Psychotherapie.

Hier geht es um Befunde der empirischen Forschung, die einfach verheerend sind. Manche Daten könnten durchaus den Todesstoß für die Psychotherapie im Rahmen des medizinischen Modells bedeuten, wenn die Öffentlichkeit ihre Relevanz begreifen würde. In einer Meta-Analyse aus dem Jahre 1977 z. B. zeigte sich nämlich u. a.

  1. Die Korrelation zwischen der Effektstärke von Psychotherapien und ihrer Dauer liegt bei -.02.
  2. Die Korrelation zwischen der Effektstärke von Psychotherapien und der Erfahrung des Therapeuten liegt bei -.01. (Die Erfahrung reichte vom Laien-Berater mit 0 Jahren Erfahrung bis zum bekannten Psychotherapeuten mit langjähriger Erfahrung).

Dies bedeutet, dass der Effekt der Psychotherapie nach dem traditionellen, medizinischen Modell unabhängig ist von der Erfahrung des Therapeuten und der Dauer der Therapie.

Mehr Selbsthilfe

Man könnte Hilfe bei psychischen Problemen und Wachstumskrisen wesentlich kosteneffizienter anbieten, wenn man stärker auf Selbsthilfe, semi-professionelle Helfer und Laien bauen und wenn man die gegenwärtigen, unnötig teuren und nach Datenlage überflüssigen Psychotherapie-Ausbildungen abschaffen würde.

Aufwändige, langwierige und kostspielige Psychotherapie sollte durch kurzfristige psychologische Beratung ersetzt werden, die sich auf die Selbstheilungskräfte des Klienten konzentriert und mögliche Unterstützer im sozialen Umfeld (Eltern, Partner, gute Freunde) systematisch einbezieht.

Zu den Wirkfaktoren, die empirisch nachgewiesen und nicht nur eingebildet sind, zählen mit Sicherheit keine medizinischen Aspekte. Dies legt der Begriff "Therapie" aber nahe. Bei dem Begriff "Psychotherapie" handelt es sich also um eine Irreführung der Klienten. Man sollte einen neuen Namen für Psychotherapie finden, der den Tatsachen gerecht wird.

Symbol der Seele

Der entscheidende Erfolgsfaktor der Psychotherapie ist der Klient selbst: Seine Überzeugungen, sein Glaube, seine Selbstheilungskräfte, sein Mut und seine Entschlossenheit treiben den Prozess voran. Der zweitwichtigste Erfolgsfaktor ist die Persönlichkeit des Therapeuten. Dabei darf man allerdings persönliche Qualitäten nicht mit formalen Qualifikationen und Lebenserfahrung nicht mit "Dauer der bisherigen therapeutischen Tätigkeit in Jahren" verwechseln.

Ich möchte Psychotherapie- Klienten ermutigen, die Definitionsmacht über die eigene Seele nicht an Psychotherapeuten, Psychologen oder Psychiater abzutreten. Die Definitionsmacht über die eigene Seele hat nämlich nur das Individuum, niemand sonst. Ein gutes Selbstwertgefühl ist die wichtigste Voraussetzung für Glück und Zufriedenheit. Wer die Definitionsmacht über seine Seele an andere abtritt, der wird höchstgradig manipulierbar. Das sollten Psychotherapie-Klienten bedenken.

Fortsetzung: Warum brauchen wir Metaanalysen in der Psychotherapieforschung?

Literatur

(Christensen, A. & Jacobson, N. (1994). Who (or what) can do psychotherapy: The status and challange of nonprofessional therapies. Psychological Science, 5, 8-14).

Smith, M. L. & Glass, G. V.: Metaanalysis of Psychotherapy Outcome Studies. American Psychologist, 1977, 32, 752-760

Wampold, B. E. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings. Mahwah, N. J. & London, Lawrence Erlbaum Ass, Pub.

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