Mythen der Psychotherapie

Moderne Menschen brauchen keinen Psychotherapeuten, der wie eine Mischung aus Arzt, Pfarrer und Schamane auftritt. Sie brauchen keine Psychotherapie, die wie eine alleinseligmachende Amtskirche organisiert und staatlich abgesichert ist.

Psychologische Beratung und Psychotherapien sind wie kaum eine andere Dienstleistung auf Vertrauen angewiesen. Es liegt also in meinem ureigenen, auch wirtschaftlichen Interesse, ehrlich gegenüber meinen Kunden zu sein. Darum möchte ich mit besonderem Nachdruck betonen, dass ich keine Wunder-Methoden beherrsche und auch kein überlegenes, unanfechtbares psychologisches Wissen besitze. Und ich kann Ihnen auch nur den Rat geben, sich vor Psychotherapie-Gurus in Acht zu nehmen, die derartige magischen Kräfte zu besitzen behaupten.

Es ist ratsam, die Realität der Psychotherapie durch die Lupe der Mythentheorie zu betrachten. Die vorherrschenden Psychotherapie-Mythen haben folgende Struktur:

Symbol der Seele

© Gerd Altmann, geralt / Pixelio

Kunde ist, wer bezahlt

"Mutti, Mutti, ich möchte Nutella aufs Brot!" ruft der Kleine im Supermarkt. Die Mutter legt ein Glas in den Einkaufswagen, geht zur Kasse und zückt ihre Kreditkarte. Wer ist der Kunde? Das Kind oder die Mutter? Natürlich die Mutter, sie bezahlt, und sie hätte auch sagen können. "Nein, da ist zuviel Zucker drin!"
In einer ähnlichen Situation wie das Kind befindet sich auch der Kassenpatient, der eine Psychotherapie in Anspruch nehmen möchte. Die Kasse legt fest, welche Art der Psychotherapie sie bezahlt und welche nicht. Sie sagt: "Kassenpatient, für dich ist eine Psychoanalyse gut oder eine Verhaltenstherapie. Was, du willst etwas anderes? Das ist nicht gut für dich, das ist nicht wissenschaftlich abgesichert."

Angesichts der Ergebnisse langjähriger, intensiver Psychotherapieforschung ist die Position der Kasse keineswegs erwiesen. Es gibt keine aus wissenschaftlicher Sicht überlegenen Formen der Psychotherapie - und Psychotherapiepatienten sollten auch keine Kassenmündel sein. Sie profitieren am meisten von einer Behandlung, wenn sie sich selbst dafür entschieden haben und wenn sie der Methode vertrauen.

Die Wirkung von Psychotherapien beruht weitgehend auf Faktoren, die allen Methoden gemeinsam sind. Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Befunde zu diesem Thema findet sich hier:
Messer, S. B. & Wampold, B. (2002). Let's Face Facts: Common Factors Are More Potent Than Specific Therapy Ingredients. Clinica Psychology. Science and Practice, V9 N1 Spring


Die wichtigsten Befunde der
aktuellen Psychotherapieforschung

  1. Psychotherapie ist effektiv. Dies ergibt sich aus Vergleichen zwischen behandelten und nicht-behandelten Gruppen.
  2. Der Erfolg von Psychotherapie hängt nicht oder kaum von den Methoden ab. Dies ergibt sich aus dem Vergleich unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse Gesprächspsychotherapie etc.).
  3. Psychotherapien sind effektiver als Placebobehandlungen und Placebobehandlungen sind effektiver als keine Behandlung.
  4. Persönliche Merkmale des Therapeuten sind erheblich bedeutsamer als die sehr geringen methodischen Effekte. Dies ergibt sich aus dem Vergleich der Effektivität verschiedener Therapeuten einer Ausrichtung sowie dem Vergleich der Effektivität verschiedener Verfahren.
  5. Die Effektivität der Psychotherapie ist weitgehend unabhängig von der Ausbildung, der Fachrichtung (Arzt, Psychologe, keine Ausbildung) sowie von der Dauer der Berufserfahrung des Therapeuten. Dies ergibt sich aus Vergleichen der Effektivität von professionellen, semi professionellen und nicht-professionellen Therapieanbietern. Laien sind tendenziell sogar effektivere "Psychotherapeuten" als Profis.
  6. Den mit Abstand bedeutendsten Beitrag zum Therapieerfolg leisten die Selbstheilungskräfte des Klienten.

Literatur

Bohart, A. (2000). The client is the most important common factor. Journal of Psychotherapy Integration, 10, 127-149

Christensen, A. & Jacobson, N. (1994). Who (or what) can do psychotherapy: The status and challange of nonprofessional therapies. Psychological Science, 5, 8-14

Frank, J. D. & Frank, J. B. (1991). Persuation and Healing: A Comporative Study of Psychotherapy. (3rd ed.). Baltimore: John Hopkins University Press

Wampold, B. E. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings. Mahwah, N. J. & London, Lawrence Erlbaum Ass, Pub.

Das psychologische Dilemma

Menschen, die psychologisches Wissen professionell anwenden, stecken in einem Dilemma: Sie müssen mit gefälschten Karten spielen, wenn sie ihre Kunden nicht betrügen wollen. Dieses Dilemma ist die Konsequenz eines Widerspruchs zwischen Selbst- und Fremdbild und der damit verbundenen Erwartungen.

  • Ein Unternehmer erwartet, dass psychologisch fundierte Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität oder zur Förderung der Kundenbindung mit Gewissheit oder an diese grenzender Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen.
  • Ein Psychotherapiepatient will Gewissheit, dass ihn die gewählte Methode auch von seinen quälenden Ängsten, Depressionen oder Zwängen erlöst.
  • Ein Militärstratege will sich darauf verlassen können, dass die Psycho-Trainings zur Förderung des Kampfeswillens auch die Zahl der getöteten Terroristen erhöhen.

Die Psycho-Experten (Psychiater, Psychotherapeuten, Trainer, Berater aller Arten) fühlen sich jedoch ihrer Wissenschaft verpflichtet. Sie sind stolz darauf, auf wissenschaftlicher, auf empirischer Grundlage zu arbeiten. Je ernster sie ihre Wissenschaft nehmen, je besser sie diese verstehen, desto deutlicher sehen sie aber auch, dass ihnen ihre Wissenschaft keine Gewissheiten zu bieten vermag. Diese entströmt noch nicht einmal dem Füllhorn der viel reiferen strengen Naturwissenschaften wie der Physik oder der Chemie. Noch viel weniger jedoch vermag die Psychologie zu garantieren, dass auf ihrer Grundlage entwickelte Maßnahmen zur Veränderung menschlichen Verhaltens und Erlebens tatsächlich greifen.

Die Crux besteht darin, dass diese Maßnahmen, gleich welcher Art, nur dann halbwegs realistische Erfolgsaussichten besitzen, wenn gleichermaßen Psycho-Experten und Kunden daran glauben. Die Maßnahmen zur Steuerung menschlichen Verhaltens und Erlebens sind schließlich keine mechanischen Eingriffe ins Räderwerk lebloser Maschinen. Sie sind vielmehr ein System von Impulsen, von Anregungen, die von Psycho-Experten und Kunden aufgegriffen werden müssen.

  • Der Wirtschaftspsychologe muss sich engagiert in Arbeitsprozesse einbringen, sich in Mitarbeiter und Vorgesetzte einfühlen, Visionen entwickeln und animieren; die Mitarbeiter und Vorgesetzten müssen sich mitreißen lassen, sich neue Ideen anverwandeln, sich Strategien ausdenken und an sich arbeiten.
  • Der Psychotherapeut muss Empathie für seinen Patienten entwickeln, dessen inneren Widerstände gegen Veränderung überwinden, dessen Hoffnung verstärken; der Patient muss seine Selbstheilungskräfte entdecken, sich Ziele setzen und diese beharrlich anstreben.
  • Der Militärpsychologe muss sich in die Front-Situation hineinversetzen, muss die Bedürfnisse der Soldaten erspüren, ihre Hemmungen ergründen; die Soldaten müssen Phantasien im Sinne des Trainings entwickeln und das Gelernte auf die Realität im Einsatzgebiet übertragen.

Es ist offensichtlich, dass ohne einen starken Glauben an die gewählten Maßnahmen kein nennenswerter Effekt zu erwarten ist. Die Wissenschaft sagt unmissverständlich, dass die Validität psychologischer Erkenntnisse fast immer höchst fraglich ist. Je näher ein psychologisches Experiment dem Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis kommt, desto weniger lässt es sich auf das reale Leben übertragen. Je lebensnäher eine Studie jedoch ist, desto schwieriger ist es, aus ihr logisch zwingend allgemein gültige Erkenntnisse abzuleiten.

Die Folge dieses Dilemmas ist eine professionelle Dissoziation, eine Bewusstseinsspaltung. Ein Psycho-Experte, der sein Fach ernst nimmt, muss in der Praxis agieren, als besäße er die absolute Gewissheit, muss Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen - in der Theorie aber muss er sich dem unausweichlichen methodischen Zweifel unterwerfen, darf Hypothesen nicht mit Beweisen verwechseln.

Manche Menschen meistern diesen Spagat dank eines elastischen Naturells mühelos; andere müssen sich jeden Tag aufs Neue überwinden. Manche flüchten aus dem Dilemma, indem sie sich aus der Praxis oder aus der Wissenschaft zurückziehen. Wir finden dann auf der einen Seite Professoren, die sich in mathematischen Modellen verlieren und hinterher gequält und lustlos nach empirischen Anwendungen für ihre Formeln und Zahlenwerke suchen. Auf der anderen Seite treiben Gurus und Zaubermänner ihr Wesen auf Grundlage uralter, esoterischer Weisheit.

Wer die Psychologie wirklich liebt und kennt, leidet mitunter arge Gewissensqualen, weil er natürlich Theorie und Praxis gleichermaßen gerecht werden möchte und zwangsläufig daran scheitert. Kann es ihn trösten, dass jenseits seiner Schädeldecke kaum jemand Notiz nimmt von seinen Problemen? Die meisten Menschen kennen nach wie vor noch nicht einmal den Unterschied zwischen Psychologen, Psychiatern, Psychotherapeuten oder Neurologen. Manche halten Vertreter dieser Professionen ausnahmslos für windige Gesellen; andere finden unter ihnen immer wieder heilige Männer und Wundertäter, die Sie mit Liebe und Verehrung überfluten.

Menschen, die professionell psychologisches Wissen anwenden, stecken in einem Dilemma: Was auch immer sie tun - sie haben Grund, es zu bereuen. Doch: Wer will sich von habituell Zerknirschten schon helfen lassen? Das die Zerknirschung jedoch auf struktureller Grundlage beruht, bleibt nur eins: den Gordischen Knoten zu zerhauen.

Wozu brauchen wir dann überhaupt Psycho-Experten?

Es ist wahr: Das psychologische Wissen ist fehlerhaft, unvollständig, oft vage und oft viel zu simpel, um der Vielfalt des realen Lebens gerecht zu werden.

Und es ist wahr: Die Psycho-Experten, die Psychologen, Psychiater, der Heilpraktiker und sonstigen zur Seelenheilkunde Berufenen sind nur zu oft narzisstisch Gestörte, die am Helfersyndrom leiden und oft sich selbst nicht helfen können.

Ja, es ist wahr: Nicht selten biedern sich die Psycho-Experten geschmeidig und wohlfeil den Mächtigen an und vertreten in erster Linie deren Interessen, dann die eigenen und zuletzt, aber auch nur im günstigsten Fall, die Interessen ihrer Klienten.

Wäre es nicht besser, diese Typen zum Mond zu schießen und andere Wege zum Seelenheil zu suchen?

Ich verlgeiche die Situation der Psycho-Experten gern mit den Seefahrern in den Zeiten der großen Entdeckungen. Die Navigationsinstrumente waren unzulänglich, die Seekarten Ausgeburten überhitzter Phantasien und unausgegorener Begierden. Die Seefahrer waren nicht selten von der Gier nach Gold und Macht zerfressen, waren Piraten, waren skrupellose Seewölfe. Und doch entdeckten sie neue Welten, und doch brachten sie Schätze heim, und doch erweiterten sie das Wissen und die Möglichkeiten der Menschheit.

A. Typ "Kirche". Dieser Typ ist durch folgende Glaubenssätze gekennzeichnet:

  1. Es gibt eine alleinseligmachende Kirche.
  2. Es gibt eine reine Lehre.
  3. Die reine Lehre wird in Hohen Schulen vermittelt.
  4. Es gibt eine formale Hierarchie der Priester.
  5. Um auf die Höheren Ebenen der Hierarchie aufzusteigen, muss man die Hohe Schule absolviert haben.
  6. Die Heilkraft des Priesters wächst mit der Höhe seiner Position in der Hierarchie.

(Beispiele: die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie)

B. Typ "Sekte". Dieser Typ ist durch folgende Glaubenssätze gekennzeichnet:

  1. Es gibt einen alleinseligmachenden Weg.
  2. Es gibt eine reine Lehre.
  3. Die reine Lehre wird von einem Wundermann vermittelt.
  4. Es gibt eine informelle Priester-Hierarchie der persönlichen Nähe zum Wundermann.
  5. Um auf die Höheren Ebenen der Hierarchie aufzusteigen, muss man sich der Gunst des Wundermanns erfreuen.
  6. Die Heilkraft des Priesters hängt von der persönlichen Nähe zum Wundermann ab.

(Beispiele: Die Psychoanalyse zu Beginn der Karriere Freuds, die Urschreitherapie nach Janov)

In beiden Modellen gibt es eine strikte Trennung zwischen "Laien" und "Fachleuten". Die "Fachleute" unterscheiden sich von den "Laien" dadurch, dass sie in eine Lehre eingeweiht wurden und in einer Hierarchie aufgestiegen sind.
Die empirische Psychotherapieforschung stützt keine dieser beiden Psychotherapie-Mythen. Es gibt tausende von Psychotherapiestudien. Diese Psychotherapiestudien wurden wiederholt systematisch ausgewertet und nach allen Seiten beleuchtet. Es zeigte sich: Weder die Methoden, noch die Qualifikation des Therapeuten oder seine Berufserfahrung haben einen nennenswerten Einfluss auf das Ergebnis der Psychotherpie. Die Daten sprechen da eine ganz eindeutige Sprache.
Beide psychotherapeutischen Mythen ("Kirche" und "Sekte") beruhen auf Autorität. Bekanntlich nagt die empirische Forschung immer an den Fundamenten jeder Autorität. So auch hier.

Und nun sollte man einmal tief durchatmen und sich fragen, ob diese Befunde wirklich überraschend sind. Es ist sicher nicht überraschend, dass wir dazu neigen, ein menschliches Unternehmen, in dem es um Heil und Heilung geht, geistig nach uralten Mustern zu erfassen und einzuordnen, nämlich nach dem Muster "Kirche" oder "Sekte", "Schamane" oder "Priester". Diese Muster setzen eine Hierarchie voraus - und wir Menschen neigen dazu, unsere Verhältnis hierarchisch zu ordnen, sowohl gedanklich, als auch in der Wirklichkeit. Wir schauen auf die oben in der Hierarchie und halten sie für besonders wichtig. "Die da unten", das Fußvolk zählt nicht.

Sicher, ich höre den Einwand: "Kein Psychotherapeut betrachtet seine Patienten oder Klienten als Fußvolk, als minderwertig." Stimmt: Jeder Psychotherapeut wird betonen, wie groß seine Wertschätzung für sie sei. Dennoch zögert er nicht, ihnen Diagnosen anzuhängen, die, um es milde zu folmulieren, nicht selten höchstgradig beleidigend sind. Wie auch immer: Viele Patienten bzw. Klienten lassen sich diese Diagnosen nur zu gern anhängen. Auch sie schauen auf zu ihren "Therapeuten". So sind wir Menschen nun einmal gestrickt. Aber auch hier spricht die Psychotherapieforschung eine eindeutige Sprache: Der mit Abstand wichtigste Erfolgsfaktor der Psychotherapie ist die Selbstheilungskraft des Klienten oder Patienten. Die "Arbeit" machen, wie so oft, die Menschen "ganz unten".

Die kirchen- bzw. sektenförmigen Psychotherapien haben nach wie vor eine nützliche Funktion - für Menschen, die in den überkommenen hierarchisch-autoritätsgläubigen Geisteshaltungen befangen sind, für Menschen, für die Erfolg weniger wichtig ist als Anpassung und Unterordnung. Für alle anderen könnte sich ein neuer Mythos als hilfreich erweisen, der Mythos der Beratung.

C. Typ "Beratung". Dieser Typ ist durch folgende Glaubenssätze gekennzeichnet:

  1. Es geht nicht um "Heil" und "Heilung", sondern um die Analyse eines Ist-Zustandes, die Bestimmung eines Soll-Zustandes und die Auswahl von Wegen und Mitteln, die zu diesem Soll-Zustand führen könnten.
  2. Die Weltsicht des Klienten ist entscheidend. Seine Maßstäbe, Werte, Vorlieben und Abneigungen zählen.
  3. Der Berater liefert Input (Wissen, Hypothesen, alternative Sichtweisen) und gibt Feedback (auf Basis der Werte des Klienten).
  4. Der Berater ist nicht "Arzt", "Heiler" oder "Priester", sondern der "Anwalt" seines Klienten.
  5. Die Beziehung zwischen Berater und Klienten beruht nicht auf Autorität oder "überlegenem Wissen", sondern auf zuvor definierten Aufgabenverteilungen und Zielen.

(Beispiele: Common Factors Movement, z. B. Miller & Duncan, buddhistische Beratung auf Basis der ursprünglichen Lehren Buddhas)

Die Ergebnisse der modernen Psychotherapieforschung stützen eindeutig den Typus "Beratung". Auch dieser Typ ist ein Mythos im Sinne einer konzentrierten Erfolgsgeschichte für moderne aufgeklärte Menschen, die selber denken können und wollen. Es ist eine Erfolgsgeschichte, an die man glauben kann, ohne mit Zahlen, Daten und Fakten in Widerspruch zu geraten. Es ist eine Erfolgsgeschichte, an die man glauben kann, ohne sich fragwürdigen Autoritäten unterordnen zu müssen.

Vor 2500 Jahren sprach Buddha zu seinen Jüngern: "Glaubt nicht an Rituale, Heilige Schriften und Autoritäten. Glaubt noch nicht einmal mir. Probiert alles selber aus. Was Leiden mindert, behaltet bei. Verwerft, was Leiden verstärkt."

Es geht hier nicht nur um akademische Fragen, um Forschung und Wissenschaft. Es geht ans Eingemachte, um die Praxis, konkret: um die Beachtung der Patientenrechte. So ist ein Psychotherapeut z. B. verpflichtet, den Patienten bzw. Klienten über Behandlungsalternativen zu informieren.
Ein Psychotherapeut, der seine Aufklärungspflicht ernst nimmt, hätte seinen Klienten sinngemäß folgendes mitzuteilen:
"Auf Grundlage von ein paar tausend Therapiestudien und ein paar Jahrzehnten Forschungsarbeit kann als gesichertes Wissen gelten, dass der Erfolg der Psychotherapie nicht von der gewählten Methoden abhängt. Der Erfolg hängt auch nicht von der formalen Qualifikation des Therapeuten ab, von seinem Studium, von seiner Ausbildung, seiner Berufserfahrung. Auch die wissenschaftlichen Störungs- und Behandlungstheorien haben keinen Einfluss auf den Erfolg. Wir wissen heute, auf Basis von ein paar tausend Studien und ein paar Jahrzehnten intensiver Forschung, dass folgende Kriterien für Sie wichtig sind:

  1. Haben Sie Vertrauen zum Therapeuten (unabhängig von seinen Titeln, Orden und Ehrenzeichen)?
  2. Berücksichtigt der Therapeut Ihre Sicht der Dinge angemessen?
  3. Erscheint Ihnen sein Behandlungsvorschlag plausibel?
  4. Entsprechen die von ihm vorgeschlagenen Therapieziele Ihren Bedürfnissen?
  5. Gewährt er Ihnen genug Freiraum zur Entfaltung eigener, selbstbestimmter Initiative und Aktivität (sofern Sie dies wünschen)?
  6. Ist er Ihnen sympathisch genug, um gut mit ihm zusammenarbeiten zu können?"

Ein Psychotherapeut, der die Patientenrechte respektiert, hätte dem Patienten bzw. Klienten also zu sagen: "Die beste Behandlungsalternative für Sie (und für jeden anderen Klienten), ist die Therapie (gleich welcher Art) bei einem Therapeuten, bei dem sie möglichst viele Fragen der obigen Art aus tiefstem Herzen mit "Ja!" beantworten können. Im übrigen gibt es Selbsthilfegruppen, die keine schlechteren Ergebnisse haben als professionelle Helfer. Manchmal genügt ein Selbsthilfebuch. Manche haben genug Kraft, ohne fremde Hilfe weiterzukommen. Auch Psychopharmaka oder geistlicher Beistand können allein oder in Ergänzung zur Therapie hilfreich sein."

Die moderne Psychotherapieforschung stützt das kontextuelle Modell der Psychotherapie, das erstmals von Frank & Frank (1991) formuliert wurde. Dieses Modell erklärt die Wirksamkeit von Psychotherapie wie folgt:

  1. Es gibt eine emotionale, vertrauensvolle Beziehung zwischen einem Hilfesuchenden und einem Helfer.
  2. Die Beziehung findet in einem Handlungsfeld statt, dessen Mission die "Heilung" ist ("healing setting").
  3. Der Hilfesuchende glaubt, dass der Helfer ihm in diesem Handlungsfeld helfen kann und will.
  4. Hilfesuchender und Helfer lassen sich von einer gemeinsamen Erklärung des Problems und der Wege zu seiner Überwindung leiten (wobei diese Erklärung keineswegs "wahr" sein muss).
  5. Hilfesuchender und Helfer vollziehen ein "Ritual" (praktizieren ein Verfahren, wenden Methoden an), um das Ziel des Hilfesuchenden zu erreichen.
  6. Helfer und Hilfesuchender sind davon überzeugt, dass sie das Problem des Hilfesuchenden gemeinsam meistern können.

Es ist allerdings ein Missverständnis zu glauben, man könne auf Methoden verzichten, nur weil sie allesamt - statistisch betrachtet - gleich wirksam sind. Irgend eine Methode muss man immer anwenden, das gehört zum "Spiel" dazu. Das kontextuelle Modell legt nahe, Methoden auszuwählen, die u. a. mit

  1. dem Weltbild,
  2. der Kultur und
  3. den Hypothesen des Klienten zu den Ursachen der Störung und den besten Wegen zu ihrer Überwindung

soweit wie möglich übereinstimmen.

Da es auf die Art der Methoden gar nicht ankommt, sondern darauf, dass der Klient "auf sie schwört", kann man natürlich auch mit alternativen oder esoterischen Methoden arbeiten, wenn der Klient diesen Methoden vertraut und deren Anwendung wünscht.

Generell gilt, dass alles, was die genannten Faktoren der Wirksamkeit von Psychotherapie verstärkt, verwirklicht werden sollte.
Es sollte doch unmittelbar einleuchten, dass eine Psychotherapie mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitert, wenn der Therapeut

Er wird dann kein Vertrauen zu seinem Therapeuten und keine Hoffnung auf Erfolg entwickeln und demgemäß kein gutes Arbeitsbündnis eingehen oder die Therapie abbrechen.

Einer der Gründe dafür, dass Laien tendenziell die besseren
Psychotherapeuten sind, liegt daran, dass sie es einfacher haben als psychoschulisch Verbildete, diese doch eigentlich recht einfachen Sachverhalte zu durchschauen.

Und was geht es in der Psychotherapie? Der Klient will sich verändern. Der Helfer kann ihm einen Rat geben, ihn auf Bewährtes hinweisen, ihn vor Gefahren warnen. Aber sich verändern, also die eigentliche Arbeit machen muss der Klient schon selber. Dazu kann er keine Theorie brauchen, die er nicht versteht oder die nicht mit seinem Denken und Fühlen übereinstimmt. Ihm nützen Methoden nichts, die seinen Lebenserfahrungen und seinen Erfahrungen mit sich selbst widersprechen. Ihm nützen also keine Klugscheißer und Besserwisser als Helfer. Er braucht Leute, die ihn dabei unterstützen, seine inneren Hilfsquellen zu aktivieren und sinnvoll zu koordinieren. Wenn Tarot, I Ging und Astrologie dabei helfen... warum nicht? Wenn Psychoanalyse dabei hilft... warum nicht? Verhaltenstherapie... warum nicht.

Marketing-Leute wissen: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Was nützt dem Kunden ein Gerät mit tollen Funktionen, wenn er diese gar nicht braucht. Was nützt dem Klienten eine hochgeistige, wissenschaftlich durchgestylte Psychotherapie, wenn die mit seinen inneren Hilfsquellen, seinen Bedürfnissen und Zielen gar nichts zu tun hat?

Psychotherapie ist bemerkenswert effektiv. Sie könnte aber noch effektiver sein. Meines Erachtens ist der beste Weg zur Effektivitätssteigerung die bessere Beachtung und Erforschung der allgemeinen Faktoren des kontextuellen Modells.

Fortsetzung: Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe

Links

Home Page von Bruce E. Wampold

Ein wichtiger Aufsatz von Wampold und Mitarbeitern über die Effizienz verschiedener Psychotherapie-Formen

Ein "Psychology-Today"-Artikel über die Forschungen Christensens und Jacobsons zur Psychotherapie durch nicht-professionelle Therapeuten

Mit freundlichen Grüßen aus Nürnberg
Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch