Hypothetische Konstrukte

Was also sind psychiatrische Diagnosen, wenn ihnen kein fassbarer Gegenstand entspricht? Sind es reine Phantasiegebilde? Sind es gar Diskriminierungen im Gewand einer wissenschaftlichen Sprache?

Natürlich könnten die von mir entwickelten Gedanken als Steilvorlage für eine ideologisch aufgeheizte Debatte dienen. Vertreter der Antipsychiatrie bestreiten ja grundsätzlich die Existenz psychischer Erkrankungen. Meine Überlegungen wollen diese Position keineswegs bekräftigen. Zwar glaube auch ich nicht, dass der Krankheitsbegriff sich auf psychische Störungen anwenden lässt. Andererseits aber werden die Verhaltensmuster, auf die sich die psychiatrischen Diagnosen beziehen, nicht dadurch verschwinden, dass man die entsprechenden Begriffe abschafft. Das Problem bleibt uns also erhalten, ganz gleich, wie man die problematischen Verhaltensmuster nennt.

Wenn man von „problematischen Verhaltensmustern“ spricht, muss man allerdings präzisieren, welche Verhaltensmuster denn tatsächlich gemeint sind. Die psychiatrischen Diagnosen beziehen sich eindeutig auf Verhaltensweisen des Individuums, dass als psychisch krank betrachtet wird. Wenn wir aber meinem Gedanken folgen, dass eine psychische Normabweichung notwendig die soziale Bewertung einbezieht, dann allerdings kann die Störung nicht allein durch die Verhaltensmuster des als gestört bezeichneten Individuums charakterisiert werden. Die Analyseeinheit ist dann immer ein Verhaltenssystem, das neben dem „Symptomträger“ auch dessen relevanten Bezugspersonen umfasst.

Das ist selbstverständlich ein weites Feld. Das mit einer psychischen Störung verbundene reale Geschehen bezieht immer eine Vielzahl von Verhaltensmustern unterschiedlicher Akteure und eine beinahe unüberschaubare Fülle von Randbedingungen ein. Wer z. B. Schizophrene nur aus der Klinik oder Praxis kennt, mag dies anders sehen, aber wer mit Psychotikern über längere Zeiträume zusammengelebt hat, weiß sehr genau, wovon ich spreche.

Und so schlage ich vor, psychiatrische Diagnosen nicht als Begriffe für reale Sachverhalte zu betrachten, sondern als hypothetische Konstrukte – als Fragen an die Wirklichkeit, die im Zuge der Forschung oder Therapie, aber auch beispielsweise im Zusammenleben zwischen Symptomträgern und Angehörigen beantwortet werden können (wobei die jeweilige Antwort dann meist neue Fragen aufwirft).

Nach MacCorquodale & Meehl sind „Hypothetische Konstrukte“ Begriffe, deren Bedeutung nicht vollständig durch empirisch nachgewiesene Zusammenhänge zwischen Variablen (hier: neurale Abläufe, Verhaltensmuster) beschrieben werden kann. Diese Konstrukte haben eine über die vorliegenden Daten hinausgehende Bedeutung. Ihr Gehalt sollte sich jedoch im Einklang befinden mit dem Stand der jeweils relevanten wissenschaftlichen Erkenntnis. [i]

Wenn wir psychiatrische Diagnosen als Hypothetische Konstrukte verstehen, so genügen wir damit jeder Anforderung, die an eine Diagnose in Forschung und Therapie gestellt werden könnte. Dies sollte eigentlich ausreichen. Damit wäre allerdings auch der Begriff der psychischen Krankheit hinfällig. An seine Stelle träte dann der Begriff der psychischen Störung. Und dieser Begriff bezöge sich nicht mehr auf ein Individuum allein, sondern auf die Interaktionssysteme, in denen die Störung auftritt.


[i] MacCorquodale, K. & Meehl, P. E. (1948). On a Distinction Between Hypothetical Constructs and Intervening Variables. Psychological Review, 55, 95-107