Bedeutung des organischen Befunds

Es gibt neben den körperlich nicht oder noch nicht begründbaren psychischen Störungen allerdings auch eine Reihe von Beschwerden mit bekannter körperlicher Ursache. Hier handelt es sich im wesentlichen um die sog. organischen oder symptomatischen Psychosen. Diese organischen Psychosen heben sich  in ihrem Erscheinungsbild meist deutlich von den sog. endogenen Psychosen (also den Psychosen ohne bekannte körperliche Ursache) ab. Es gibt allerdings Überschneidungen, und die Abgrenzung zwischen beiden Psychoseformen ist nicht immer leicht, mitunter sogar unmöglich. Denn ein organischer Befund muss ja nicht zwingend die Ursache einer psychotischen Symptomatik sein. Es ist ja auch denkbar, dass beide Phänomene gleichzeitig, aber unabhängig voneinander aufgetreten sind. [i]

Doch für die vorliegende Thematik ist die Frage gar nicht entscheidend, ob das als psychisch krank bezeichnete Verhaltensmuster mit einem organischen Prozess zusammenhängt oder nicht. Ein Verhaltensmuster wird, unabhängig davon, erst durch eine entsprechende Bewertung zu einer „psychischen Krankheit.“ Man stelle sich einen Prozess im Nervensystem vor, der von der statistischen Norm abweicht. Nennen wir diesen Prozess PX. Man stelle sich weiterhin vor, dieser PX korreliere mit einem bestimmten Verhaltensmuster VX. Auf deutsch: Wenn im Nervensystem eines Menschen PX abläuft, dann zeigt dieser Mensch mit mehr oder weniger erhöhter Wahrscheinlichkeit VX. Nun erhebt sich die Frage, unter welchen Bedingungen VX als psychische Störung mit der organischen Grundlage PX betrachtet werden kann. Nehmen wir an, VX sei das Äußern von Wahnideen. Eine Wahnidee wird zur Wahnidee nur dadurch, dass ihr Urheber und/oder seine Umwelt diese Idee als wahnhaft einstuft. Wird sie statt dessen z. B. als religiöse Offenbarung aufgefasst, dann wird ihr Urheber nicht als psychisch krank diagnostiziert, sondern u. U. als gottgesandter Prophet verehrt, dessen eventuelle Launen und Auffälligkeiten man demutsvoll ertragen muss.

Beispiel Homosexualität

Hier handelt es sich nicht nur um eine theoretische Möglichkeit, sondern um ein grundsätzliches Problem. Ein besonders drastisches Beispiel, dass diese Problematik unterstreicht, ist die Homosexualität. Diese galt noch vor einigen Jahrzehnten als psychische Krankheit, sie wurde z. B. erst 1973 aus dem DSM gestrichen. Heute wurde wohl kaum noch ein Psychiater einen Schwulen allein wegen seiner Homosexualität als psychisch krank diagnostizieren. Wäre die Homosexualität jemals eine Krankheit gewesen, die auf einer Störung eines Organs oder eines Organssystems beruht, dann wäre sie auch heute noch eine Krankheit. Fakt ist: Die Homosexualität gilt heute nicht mehr als psychische Krankheit, weil sich die gesellschaftliche Bewertung der Homosexualität im besonderen und der Sexualität im allgemeinen verändert hat. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die Homosexualität tatsächlich auf neuralen Prozessen beruht, die von der Norm abweichen, würde dies am Grundsätzlichen nichts ändern.

Diese Erkenntnis lässt sich auf alle psychischen Störungen übertragen. Es handelt sich hier um Verhaltensmuster, die nicht an sich gestört oder gar krank sind. Sie werden dies erst durch eine entsprechende soziale Bewertung.


[i] Huber, G. (1994). Psychiatrie. Lehrbuch für Studierende und Ärzte. Fünfte Auflage. Stuttgart, New York, Schattauer