Einleitung
Der Begriff „psychische Krankheit“ wird von vielen Laien und sogar von nicht wenigen Fachleuten unüberlegt und mitunter sogar leichtfertig verwendet. Es wird ohne jede Verdeutlichung und Klärung vorausgesetzt, dass psychische und körperliche Störungen ähnlich genug seien, um einen gemeinsamen Oberbegriff, nämlich den der Krankheit, zu rechtfertigen. Eine genauere Analyse des Wesens psychischer und körperlicher Störungen zeigt jedoch, dass die Ähnlichkeit nur bei sehr oberflächlicher Betrachtung groß genug ist, um den Begriff der Krankheit auf beide Formen von Beschwerden anzuwenden.
Es trifft sicher zu, dass psychische und körperliche Störungen beide in der Regel mit Leiden und/oder mit Abweichungen von der (statistischen) Norm verbunden sind. Allein diese Merkmale teilen psychische Störungen und körperliche Krankheiten auch mit anderen Phänomenen, die wir an sich nicht als krank bezeichnen, zum Beispiel „Liebeskummer“ oder „Schönheitsmängel“. Muster von Merkmalen aber, die zu falschen Zuordnungen führen, eignen sich nicht zur Begriffsbestimmung.
Meine zentrale These lautet: Bei einer körperlichen Störung – z. B. einer Lungenentzündung – kann man, zumindest gedanklich bzw. fachlich, den Vorgang selbst von den Reaktionen der Umwelt darauf abgrenzen. Dies ist bei einer psychischen Störung nicht der Fall. Würde man hier diese Reaktionen ausklammern, dann bliebe in vielen Fällen von der Störung kaum etwas übrig. Daher ist es m. E. aus wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, beide Formen der Störung unter dem einheitlichen Begriff der Krankheit zusammenzufassen.
Aus pragmatischer, z. B. versicherungsrechtlicher Sicht ist es allerdings notwendig, die psychischen Störungen so einzuordnen, als ob es sich dabei um Krankheiten handele.
Meine zweite Basisthese ist beinahe ebenso wichtig für das Verständnis der folgenden Ausführungen: Die „Psyche“ ist kein Gegenstand, der prinzipiell der Beobachtung zugänglich wäre wie etwa wie das Herz, die Lunge oder die Leber. Die „Psyche“ ist vielmehr ein Konstrukt, das mehr oder weniger vage Prozesse im Nervensystem mit direkt beobachtbarem Verhalten einerseits und mentalen Prozessen andererseits verbindet. Die mentalen Prozesse können nicht direkt beobachtet, sondern nur erfahren bzw. mitgeteilt werden. Diese Behauptung mag manchen Leser verwirren. Diesen Lesern rate ich zum dem Versuch, einen Gedanken oder ein Gefühl direkt zu beobachten (also nicht die damit verbundenen körperlichen Reaktionen wie z. B. Herzrasen bei Angst oder sexuelle Erregung beim Gedanken an einen begehrten Partner). Gedanken denken, Gefühle empfinden wir. Wir beobachten sie nicht.