

© Kurt Bouda / Pixelio
"Der Mensch ist des Menschen Wolf!" Dieser Satz wird meist dem neuzeitlichen Philosophen Thomas Hobbes zugeschrieben. Erstmals aufgeschrieben wurde er jedoch von dem antiken Kommödiendichter Plautus. Die Erkenntnis dürfte vermutlich älter sein, denn die unmenschliche Behandlung des Mitmenschen gehört vielleicht nicht zum Wesen des Menschen, ist aber ein Charakteristikum der aufgezeichneten menschlichen Geschichte. Und daher ist auch das Mobbing kein neues Phänomen. Nur der Name ist neu. Früher nannte man es Schikane.
Mobbing ist Englisch und kommt von "Mob", die Meute. Die Meute, schreibt der Nobelpreisträger, Romancier und Kulturphilosoph Elias Canetti in seinem Werk "Masse und Macht", ist die älteste Form der Vergesellschaftung von Menschen. Sie war schon immer da, lange bevor es die Massen gab. Die natürlichste und älteste Art der Meute sei die Jagdmeute. Sie bildet sich, wenn ein Tier, das der Einzelne nicht oder nur schwer erlegen kann, getötet werden soll. Etwas jünger und mit der Jagd-Meute verwandt ist die Kriegsmeute. Sie setzt eine zweite Meute aus Menschen voraus, gegen die sie sich richtet. Da sich das Mobbing fast immer gegen eine Einzelperson wendet, ist der Mob im Sinne des Mobbings der archaischten Form der Meute zuzurechnen. Es geht darum, einen Menschen aus der Firma zu ekeln. Für das archaische Unbewusste bedeutet dies, ihn auszulöschen.
Manche halten ihr Unternehmen zwar für einen Dschungel, damit aber täuschen sie sich. Ein Unternehmen ist ein strukturierter Ablauf menschlicher Aktivität auf rechtlicher Grundlage und durch eine Hierarchie gekennzeichnet. In einem Unternehmen streifen keine halbnackten, blutrünstigen Horden durch die Wildnis - stets bereit anzugreifen oder zu flüchten, zu fressen und gefressen zu werden. Wenn in einem Unternehmen ein Mob eine Einzelperson zu vernichten trachtet, dann geschieht dies im Verantwortungsbereich einer Unternehmensführung. Diese kann den Beutezug stoppen, die Augen davor verschließen, ihn behindern, fördern oder auch dazu anstiften. Mobbing unterliegt nicht dem Gesetz des Dschungels, sondern es hängt von den Entscheidungen und Unterlassungen übergeordneter Instanzen ab.
Mobbing kann Menschen seelisch vernichten. Es ist daher kein Gesellschaftsspiel und auch kein legitimes Instrument zum kostengünstigen Personalabbau. Betroffene haben ein moralisches Recht zur Gegenwehr.
Dieses moralische Recht muss besonders betont werden. Denn in einer demokratischen Gesellschaft neigen wir dazu, den Einzelnen im Unrecht zu wähnen, wenn sich eine Mehrheit bewusst gegen ihn stellt. Dies ist allerdings falsch, denn man kann, wie uns die Erkenntnistheoretiker lehren, über die Wahrheit nicht abstimmen. Abstimmungen sind kein legitimes Beweisverfahren.
Die moralische Beurteilung fällt grundsätzlich nicht im Sinne der Mobber aus. Die Hetzjagd auf einen Einzelnen ist prinzipiell kein akzeptables Mittel der Auseinandersetzung in einem Unternehmen. Diese Bewertung ist unabhängig von den persönlichen Merkmalen und Taten des Betroffenen.
Wer also mobbt, setzt sich selbst ins Unrecht und hat sein Recht auf eine faire Behandlung verspielt. Das Opfer hat das moralische Recht auf seiner Seite, wenn es sich skrupellos zur Wehr setzt.
Die Gegenwehr sollte, falls möglich, noch gewissenloser sein, noch heimtückischer und verschlagener als die Angriffe. Mobbing ist der falsche Zeitpunkt für christliche Linke-Wanke-rechte-Wange-Spielchen.
Wenn es um Gemeinheiten geht, kennt die menschliche Erfindungsgabe offenbar kaum Grenzen. Dies gilt auch und besonders fürs Mobbing. Die folgenden Beispiele ließen sich beliebigt vermehren:
Meine Anti-Mobbing-Beratung enthält die folgenden Elemente:
Nicht jede Gemeinheit und Grausamkeit am Arbeitsplatz ist Mobbing. Jeder ist einmal ungerecht - und manche Kollegen können wir aus realen oder unerfindlichen Gründen nicht leiden. Wir sind dann vielleicht nicht immer so freundlich und kollegial, wie man dies mit Fug und Recht von uns erwarten könnte. Das ist betrieblicher Alltag - und wer das nicht ertragen kann, der ist einfach zu gut für unsere Welt.
Mobbing ist etwas anderes als das Abladen von Frust bei Leuten, die nichts dafür können. Die Schlüssel-Merkmale des Mobbings sind Absicht und Wiederholung. Die Attacken der Mobber sind nicht spontan, keine Ausgeburten von schlechter Laune oder mangelnder Selbstdisziplin bzw. Herzenbildung. Die Angriffe der Mobber sind wohlerwogen und oft geplant. Häufig stimmen sich die Mobber ab wie eine Hetzmeute. Und die Angriffe werden regelmäßig wiederholt. Sie sollen wirken wie der stete Tropfen, der den Stein hölt. Das ist die Strategie der tausend Nadelstiche.
Ein weiteres Kennzeichen des Mobbings ist die Tarnung. Die Gemeinheiten werden so verwirklicht, dass kein unbeteiligter Zeuge die Täter belasten könnte. In aller Regel ist jeder, der bei einer Mobbing-Attacke anwesend ist, auch in das Komplott verstrickt. Mobbing ist also eine Form der Verschwörung.
In fast allen Fällen besteht das übergeordnete Ziel des Mobbings darin, das Opfer aus der Firma zu treiben. Mitunter gibt man sich auch mit geringeren Zielen zufrieden, wenn beispielsweise verhindert werden soll, das der Gemobbte befördert wird. Dies ist auch der Grund, warum Mobbing fast immer mit stillschweigender (eventuell auch offener) Duldung durch die Unternehmensleitung erfolgt. Keine Unternehmungsleitung hat es nämlich gern, wenn die Belegschaft auf eigene Faust Personalpolitik betreibt. Hat dies beim Mobbing den Anschein, so trügt dieser in aller Regel. Hier gilt der Leitsatz der Verschwörungstheoretiker: "Nichts ist, was es zu sein scheint!"
Warum dulden manche Unternehmen das Mobbing? Sicher, es gibt rationale Gründe. Mobbing ist mitunter ein effektives Mittel, "überflüssige" Arbeitnehmer ohne Abfindung loszuwerden. Manche Unternehmer lassen Mobbing auch zu, damit Arbeitnehmer Dampf ablassen können, einen Sündenbock haben und ihre Wut nicht gegen die Unternehmensführung richten.
Da Mobbing aber das Betriebsklima und damit die Arbeitsmoral untergräbt und manchen Angestellten mehr Macht gibt, als ihnen gut tut, verursacht Mobbing im Schnitt mehr Schaden als Nutzen. Meist ist es also keineswegs rational, Mobbing zu akzeptieren oder gar zu fördern. Der Grund dafür, dass es häufig dennoch geschieht, ist m. E. eine vergiftete Atmosphäre, die Mitarbeiter und Führungskräfte erfasst hat. Sie zeichnet sich u. a. durch folgende Merkmale aus:
Das Zahnweh, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel unwillkommen
doch hat's die gute Eigenschaft,
dass sich dabei die Lebenskraft,
die man nach außen oft verschwendet,
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
kaum fühlt man das bekannte Bohren,
das Rucken, Zucken und Rumoren -
und aus ist's mit der Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins,
die sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet -
man weiß nicht, was die Butter kostet -
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluss: Er muss heraus!!-
Es mag Balsam sein für die gequälte Seele, das Mobbing im Sinne des genialen Zeichners und Verseschmiedes Busch mit dem Zahnschmerz zu vergleichen. Wie beim Zahnschmerz konzentriert sich beim Gemobbten die ganze Lebenskraft auf einen Punkt im Inneren. Und so wie der Zahn heraus muss, so muss auch das unwürdige Arbeitsverhältnis beendet werden.
Ich weiß: Unter den gegenwärtigen Bedingungen am Arbeitsmarkt überlegt sich jeder halbwegs Vernünftige dreimal, ob er kündigen soll, wie schlimm die Verhältnisse auch immer sein mögen. Doch beim Mobbing sollte der Entschluss nach der vierten Runde des Überlegens lauten: "Ich muss hier raus!"
Aber man sollte sich nicht kampflos ohne Abfindung davon schleichen. Wenn die Unternehmensführung nicht helfen will, dann muss sie bluten. Dann sollte man sich, unter Aufbietung aller Cleverness, in einer Form betragen, die bei den Bossen den sehnlichsten Wunsch erzeugt, den Gemobbten loszuwerden, und koste es auch eine unverschämt hohe Abfindung. Tu was du willst, sei das Gesetz.
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