
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Theodore Millon, Erik Simonsen, Roger Davis (Hrsg.):
Psychopathy: Antisocial, Criminal, and Violent Behavior. Guilford Publications
2002
Einer der weltweit führenden Experten in Sachen
Psychopathie ist der kanadische Psychologe Prof. Robert Hare.
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Experten schätzen, dass 3 % der Männer und 1 % der Frauen eine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben.

Die Antisoziale Persönlichkeitsstörung, die gelegentlich auch als Sozio- oder Psychopathie bezeichnet wird, kann im Grunde moralisierend, aber zutreffend durch nur zwei Wörter beschrieben werden: haarsträubende Gewissenlosigkeit. Es handelt sich um einen Defekt des moralischen Erlebens und Verhaltens. Die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts hatte einen durchaus passenden Namen für dieses Störungsbild: "Moralischer Schwachsinn".
In der Bibel der Psychiatrie, dem "Diagnostisch Statistischen Manual (DSM IV)" wird der wissenschaftlicher klingende Terminus "Antisoziale Persönlichkeitsstörung" verwendet. Manche Fachleute unterscheiden zwischen der Diagnose "Psychopathie" und der "Antisozialen Persönlichkeitsstörung" im Sinne des DSM IV, da dieses Manual die Diagnose nur auf Verhaltensweisen bezieht und keine Persönlichkeitsmerkmale (wie mangelndes Einfühlungsvermögen) berücksichtigt, die nur indirekt erschlossen werden können. Zur Vereinfachung werden diese Begriffe im folgenden jedoch als identisch behandelt.
Psychopathen neigen zu Normüberschreitungen aller Art. Sie sind natürlich oft auch kriminell. Sie lügen gewohnheitsmäßig, betrügen und manipulieren ihre Mitmenschen skrupellos. Sie sind nicht selten sehr impulsiv und nicht in der Lage oder willens, vorausschauend zu handeln. Ihre höchstgradige Reizbarkeit führt oft zu Schlägereien und Sachbeschädigungen. Sie neigen dazu, die eigene Sicherheit bzw. die Sicherheit anderer zu missachten. Sie sind in allen Lebensbereichen verantwortungslos. Das entscheidende Merkmal und zugleich der Motor dieser Störung ist die fehlende Reue. Wenn sie einen Menschen geschädigt haben, zeigen sie sich gleichgültig, bagatellisieren den Sachverhalt oder rechtfertigen sich mit Pseudoargumenten.
Psychopathen sind häufig sehr intelligent, smart und clever, entfalten einen beachtlichen Charme, sind gewinnend und überzeugend. Vielen gelingt es, trotz (oder gerade wegen) ihres Hangs zu Rechtsbrüchen ein sozial integriertes, erfolgreiches Leben zu führen.
Die Ursachen der Antisozialen Persönlichkeitsstörung sind noch unbekannt. Neuere Forschungen erhärten aber die Hypothese, dass diese Störung durch ein Zusammenspiel biologischer und sozialer Faktoren hervorgerufen wird. Avshalom Caspi und seine Mitarbeiter (2002) untersuchten 442 männliche, erwachsene Neuseeländer, von denen 154 in ihrer Kindheit sexuell missbraucht und/oder körperlich misshandelt wurden. Sie analysierten den Einfluss eines bestimmten Gens, das die Hirnchemie beeinflusst. Dieses Gen kommt in einer stark und einer schwach aktiven Variante vor. Es bestimmt das Niveau der Monoamin Oxidase A (MAOA). Dies ist ein Enzym, dass die Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Norepinephrin metabolisiert. 85 % der Versuchspersonen, die traumatisiert worden waren und die zudem die schwach aktive Variante des Gens hatten, entwickelten Formen des antisozialen Verhaltens. Die Untersuchungsteilnehmer mit der hoch aktiven Variante dieses Gens aber wurden nur äußerst selten durch antisoziales Verhalten auffällig - unabhängig davon, ob sie also Kind misshandelt und missbraucht worden waren oder nicht.
Eine amerikanische Studie weist in dieselbe Richtung. R. J. Cadoret und seine Mitarbeiter (1995) untersuchten 197 Adoptierte im Alter zwischen 18 und 47 Jahren. Sie sammelten zusätzlich Daten von den biologischen und den Adoptiveltern. Problematische familiäre Verhältnisse begünstigten antisoziales Verhalten, doch überwiegend bei Adoptierten, die durch ihre biologischen Eltern vorbelastet waren.
In seiner Übersichtsarbeit aus dem Jahre 2002 konnte sich A. Raine auf 39 empirische Studien stützen, die das Zusammenwirken biologischer und sozialer Faktoren im Ursachenbündel der Psychopathie illustrieren.
Über die neuropsychologischen Mechanismen der Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung kann man beim Stand der Forschung nur spekulieren. Es erscheint plausibel, dass hier zumindest drei Faktoren eine Rolle spielen:
Die Therapie von Psychopathen ist überaus schwierig. Da diese Menschen keine (echten) Schuldgefühle empfinden und mitunter sogar von ihrem antisozialen Verhalten profitieren, sehen sie oft auch keine Notwendigkeit, sich einer Behandlung zu unterziehen. Dies gilt gleichermaßen für die Psychotherapie, als auch für die Behandlung mit Medikamenten. Viele Experten, vor allem Strafvollzugsbeamte halten wegen der fehlenden Motivation die Therapie von Psychopathen daher für Zeit- und Geldverschwendung. Allerdings teilen nicht alle Fachleute diesen Pessimismus. R. T. Salekin z. B. hält den therapeutischen Pessimismus für ein Vorurteil, das sich nicht auf systematische empirische Forschung stützen kann.
Es ist jedoch nicht zu bestreiten, dass bisherige Therapieansätze nicht sehr erfolgreich waren. Mitunter nutzten die Patienten sogar die psychotherapeutischen Erfahrungen zur Perfektionierung ihrer antisozialen Verhaltensmuster. Dies bedeutet natürlich nicht, dass keine besseren Therapien entwickelt werden könnten.
Zu den erfolgversprechenderen Methoden zählt die Behandlung in Therapeutischen Gemeinschaften. Dabei handelt es sich um einen milieutherapeutischen Ansatz, der ein psychologisch-pädagogisches Konzept mit den Prinzipien der Selbsthilfe verbindet. Psychotherapie im engeren Sinne spielt keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Eine amerikanische Studie zeigte z. B., dass Drogenabhängige mit antisozialer Persönlichkeitsstörung von einer Behandlung in einer Therapeutischen Gemeinschaft nicht weniger profitieren als nicht-psychopathische Süchtige (Messina et al. 2002). Beim gegenwärtigen Stand der Forschung sind allerdings eindeutige Aussagen über die besten Perspektiven in der Therapie von Psychopathen noch nicht möglich. Zur Zeit ist jedenfalls die Psychopathie unter allen Persönlichkeitsstörungen am schwierigsten zu behandeln (Perry u. a. 1999).
Cadoret, R. J. u. a.: Genetic-environmental interaction
in the genesis of aggressivity and conduct disorders. Archives of
General Psychiatry, 52(11), 1995, 916-924
Caspi, A. u. a.: Role of genotype in the cycle of violence in maltreated
children. Science, Vol. 297, No. 5582, August 2002, 851-854
Messina, N. P. et al.: Antisocial personality disorder and TC treatment
outcomes. American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 2002, 28(2),
197-212
Perry, J. C. u. a.: Effectiveness of Psychotherapy for Personality
Disorders. American Journal of Psychotherapy, 156(9), September
1999, 1312-1321
Raine, A.: Biosocial studies of antisocial and violent behavior
in children and adults: a review (1). Journal of Abnormal Child
Psychology, August 2002
Salekin, R. T.: Psychopathy and therapeutic pessimism: Clinical
lore or clinical reality? Clinical Psychology Review, 22(1), 79-112,
2002
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