
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Josef Schöpf:
Angsterkran-
kungen und ihre Therapie.
Steinkopf 2001
Theo R. Payk: Angsterkran-
kungen. Stuttgart
(Schattauer
Verlag) 1994
Angstselbsthilfe
Die Spezialisten:
Christoph-Dornier-
Stiftung
Unter Furcht verstehen wir ein unangenehmes Gefühl angesichts einer bewusst wahrgenommenen Gefahrenquelle. Angst ist demgegenüber ein unbestimmtes, beklemmendes Gefühl der Bedrohung in Abwesenheit eines bestimmten gefährlichen Objekts oder Vorgangs. Panik ist eine explosionsartige Reaktion, die den Betroffenen meist ohne Warnung überfällt. Eine Phobie ist die dauerhafte, intensive Furcht vor einen bestimmten Objekt, die der tatsächlichen Gefahr nicht angemessen ist und den Betroffenen erheblich beeinträchtigt. Ein Zwang ist ein kaum oder gar nicht zu beherrschender Impuls, eine unerwünschte Handlung zu realisieren, wobei der Motor des Zwangs oft eine bewusste oder unbewusste Angst ist.
Die beschriebenen Reaktionen sind in gewissen Grenzen durchaus normal. Sie haben sich in der Evolution entwickelt, um rasche Reaktionen in Gefahrensituationen sicherzustellen oder um Gefahrenvermeidung zu automatisieren. Zur psychischen Störung werden diese emotionalen Prozesse erst durch ein Übermaß.
Die Psychiatrie unterscheidet u. a. folgende Formen der "Angst-Krankheit":

Angst kann auch lustvoll sein
©Lilly Dippold / Pixelio
Die Ursachen dieser Störungen sind weitgehend unbekannt. Empirische Studien deuten allerdings darauf hin, dass sie durch ein Zusammenspiel genetischer, neurobiologischer und sozialer Faktoren entstehen.
Nicht nur bei der posttraumatischen Belastungsstörung, sondern auch bei den anderen Angsterkrankungen scheinen traumatisierende Erfahrungen eine erhebliche Rolle zu spielen - wenngleich nicht in allen Fällen (Ross 2000, 132 ff.)
Es ist denkbar, dass sich Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeit, extremen Stress zu verarbeiten, genetisch bedingt unterscheiden und dass Menschen, die nur eine relativ geringe Trauma-Dosis vertragen, ein erhöhtes Risiko haben, an einer Angst-Störung zu erkranken.
Bei vielen Angst-Reaktionen handelt es sich um das Resultat eines Konditionierungsprozesses. Der Mensch lernt, auf an sich neutrale Reize zu reagieren, die mit einer ursprünglichen, unangenehmen oder bedrohlichen Erfahrung verbunden waren. Ein Kind, das einmal mit einem Rohrstock verprügelt wurde, entwickelt später vielleicht schon beim Anblick eines länglichen Gegenstandes Angst. Einige Wissenschaftler vermuten, dass diese Konditionierungen in einer bestimmten Hirnregion gespeichert werden, dem sogenannten Mandelkern (Amygdala). Als Gegengewicht existiert offenbar ein Angst-Hemmungs-Zentrum im medialen präfrontalen Kortex (mPFC). Einige computer-tomographische Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit postraumatischer Belastungsstörung einen verkleinerten oder inaktiven mPFC haben (Travis 2004).
Psychoanalytische Forscher vermuten, dass innere Bedrohungen (zum Beispiel ein verpönter Gedanken, ein unmoralischer Wunsch) unbewusst nach außen verschoben werden können. Die phantasierte Gefahrenquelle wird in ein Objekt oder eine Situation verlagert. Diese stehen damit in einer symbolischen Beziehung zur eigentlichen inneren Bedrohung. Diese Verschiebung wird durch die mit ihr verbundene Entlastung aufrecht erhalten (Ahrens 1997, 246 ff.).
Als Mittel der Wahl werden heute die sog. Benzodiazepine zur pharmakologischen Therapie von Angststörungen eingesetzt. Wegen der Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung werden diese Medikamente jedoch nur zur Kurzzeittherapie empfohlen. Zu den unerwünschten Nebenwirkungen zählen Schläfrigkeit, Störungen der Bewegungskoordination, Lethargie, geistige Verwirrtheit und Desorientiertheit, undeutliche Sprache, Gedächtnisstörungen und Auslösung oder Verstärkung von Demenzsymptomen (Julien 1997, 88).Selbstverständlich müssen diese Symptome nicht zwangsläufig auftreten. Mitunter ist nach Abwägung aller Vor- und Nachteile trotz Abhängigkeitsgefahr an eine längerfristige Behandlung zu denken, wenn andere Formen der Hilfe versagen.
Die Behandlung mit Benzodiazepinen lindert aber nur die Symptome der Erkrankung, sie bewirkt keine Heilung. Nach dem Absetzen treten die Krankheitserscheinungen, gegen die das Medikament ursprünglich verabreicht wurde, in unverminderter Stärke wieder auf; hinzu treten mitunter noch Entzugserscheinungen.
Die kognitiv-behaviorale Therapie (KBT) gilt heute als der erfolgversprechendste Ansatz einer pädagogisch und psychologisch fundierten Behandlung der Angststörungen. Sie besteht aus zwei Hauptkomponenten, nämlich dem kognitiven Aspekt und der Konfrontation. Im kognitiven Bereich versucht KBT, die mit der Angst und den angstauslösenden Objekten bzw. Bedingungen verbundenen Gedanken zu beeinflussen. Zudem hilft sie den Betroffenen, sich angstauslösenden Situationen auszusetzen. Die Konfrontation kann graduell oder unvermittelt, in Gedanken oder in der Realität erfolgen.
Manche Experten befürworten eine Kombination von medikamentöser Behandlung und KBT. Unter Umständen werden manche Menschen durch eine kurzfristige Behandlung mit Psychopharmaka erst fähig, sich einer Psychotherapie zu unterziehen.
Die psychoanalytische Therapie der Angst ist weniger an den konkreten Angst-Symptomen, sondern an einer tiefgreifenden Umstrukturierung der Persönlichkeit interessiert. Sie ist u. a. bei Betroffenen zu empfehlen, die ihrer Persönlichkeit entsprechend dazu neigen, innere Konflikte ins Unbewusste zu verbannen und symbolische Stellvertreter dieser Konflikte in der Außenwelt zu etablieren.
Da Zwangsverhalten in der Regel der meist unbewussten Angstvermeidung dient, steht die Angstbewältigung auch im Zentrum der Psychotherapie bei Zwangsstörungen. Während die Zwangsstörungen früher weitgehend psychotherapeutisch behandelt wurden, werden in den letzten 25 Jahren mit einigem Erfolg auch Medikamente, vor allem Antidepressiva eingesetzt.
Ahrens, S. (Hrsg.): Lehrbuch der psychotherapeutischen
Medizin. Stuttgart (Schattauer) 1997
Julien, R. M.: Drogen und Psychopharmaka. Heidelberg (Spektrum Akademischer
Verlag) 1997
Ross, C. A.: The Trauma Model. A Solution to the Problem of Comorbidity
in Psychiatry. Richardson Tx. (Manitou Communications) 2000
Travis, J.: Fear not: scientists are learning how people can unlearn
fear. Science News, Jan 17, 2004
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