Psychoscripte

Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Literaturtipps:

Rainer Sachse: Histrionische und Narzisstische Persönlichkeits-
störungen.
Göttingen
(Hogrefe-Verlag) 2002

Heinz Kohut:
Narzissmus.
Frankfurt a. M.
(Suhrkamp) 2002

Narzissmus im Web

Narcissistic Personality Disorder Today

Diagnose

Die narzisstische Persönlichkeit ist von einem tiefen Gefühl der eigenen Wichtigkeit durchdrungen. Sie schwelgt in Phantasien des grenzenlosen Erfolges, übertreibt eigene Fähigkeiten und Leistungen maßlos und erheischt bedingungslose Bewunderung. Sie hegt übersteigerte Erwartungen an eine bevorzugte Behandlung und perfekte Rücksichtnahme anderer auf die eigenen Bedürfnisse. Erfüllt von Gefühl der Grandiosität, nimmt sie sich das Recht heraus, andere bedenkenlos auszubeuten und für eigene Interessen einzuspannen. Sie ist nicht willens, die Bedürfnisse anderer als gerechtfertigt anzuerkennen oder sich in ihre Mitmenschen einzufühlen. Häufig wirkt sie arrogant und überheblich.

Diese Haltungen sind aber keineswegs Ausdruck eines "gesunden" Selbstwertgefühls. Sie sind im Gegenteil häufig die Kompensation eines tiefsitzenden, verdrängten oder abgespaltenen Minderwertigkeitsgefühls. Es handelt sich hier auch nicht um eine Form des "sich selbst gut Verkaufens".

Der "gute Selbstdarsteller" weiß, dass die übertriebenen Selbstanpreisungen ebenso wenig 100%ig den Tatsachen entsprechen wie die Werbebotschaften für ein Konsumgut. Die narzisstische Persönlichkeit ist demgegenüber zutiefst gekränkt und verletzt, wenn man ihre Grandiosität in Frage stellt.

Narzisstische Störungen finden sich gleichermaßen bei beiden Geschlechtern; es zeigen sich jedoch Unterschiede in den Formen. So neigen weibliche Narzissten - entsprechend den gesellschaftlich geprägten Geschlechtsrollen - seltener zur massiven Ausbeutung anderer und zum Beanspruchen besonderer Privilegien als männliche Narzissten (Tschanz 1998).

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Hans Ulrich Gresch: Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation. Sachbuch. Düsseldorf (Elitär Verlag) 2010
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Ursachen

Trotz einer Fülle meist psychoanalytischer Theorien konnten die Ursachen der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung bisher noch nicht empirisch geklärt werden. Die psychoanalytischen Theorien beruhen auf den Beobachtungen und klinischen Erfahrungen ihrer Urheber, wurden aber nicht statistisch abgesichert. Sie widersprechen einander zum Teil erheblich.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, meinte, dass ein Kind seine "Libido", seine psychische Energie zunächst auf sich selbst bezieht und dann schließlich lernt, "Objekte" in seiner Umwelt, in erster Linie die Eltern "libidinös zu besetzen". Doch wenn sich die Objekte des Begehrens dieser Besetzung entziehen (z. B. durch zeitweilige Abwesenheit), dann fällt das Kind in den ursprünglichen Narzissmus zurück. Freud nennt diesen Rückfall in eine frühere Entwicklungsphase "Regression". Falls diese narzisstische Regression zur bevorzugten Form der Reaktion auf Frustrationen wird, kann eine "narzisstische Neurose" entstehen.

Einer der heute bedeutendsten psychoanalytischen Theoretiker des Narzissmus, Otto Kernberg ist mit diesem Verständnis nicht einverstanden. Er hält Freuds Trennung zwischen der narzisstischen Libido und der Objekt-Libido für künstlich. Es gehe vielmehr um die Beziehungen zwischen den Repräsentationen des Selbsts und der Objekte im Geist des Kindes. Eine narzisstische Störung entsteht, wenn sich eine entwertete und aggressiv aufgeladene Selbst-Repräsentation bildet. Diese Selbst-Repräsentation entwickelt verzerrte Beziehungen zu den Objekt-Repräsentationen, da diese häufig Leiden verursachen. Diese Beziehungen werden von den realen Objekten abgelöst. Der Narzisst verdrängt sie, spaltet sie ab oder projiziert sie auf andere Objekte.

Die narzisstischen Größenvorstellungen haben die Funktion, die verzerrten Beziehungen zwischen den Selbst- und Objekt-Repräsentationen zu überlagern. Charakteristisch für diese Störung sei, dass sich der Betroffene nicht auf verinnerlichte gute Objekte verlassen könne. Er braucht daher beständig narzisstische Befriedigung von außen, z. B. in Form uneingeschränkter Bewunderung. Aus Kernbergs Sicht entspricht der pathologische Narzissmus der libidinösen Besetzung einer verzerrten und nicht, wie Freud und andere Analytiker meinen, einer normal entwickelten Selbststruktur. Im normalen Selbst sind "gute" und "böse" Selbstvorstellungen, sind Selbstliebe und Selbsthass integriert - im pathologischen Selbst aber dissoziiert (Kernberg 1988, 275 ff.).

Aus Sicht der Verhaltenstherapie ist die Narzisstische Persönlichkeitsstörung das Resultat eines elterlichen Erzeihungsstils, der narzisstische Einstellungen und Verhaltensmuster fördert. Diese Eltern suggerieren ihren Kindern von Anfang an, etwas Besseres zu sein. Sie seien deshalb in der Lage, ohne größere Anstrengungen alles nur Wünschenswerte im Leben zu erreichen. Entsprechend werden alle Verhaltensmuster der Kinder verstärkt, durch die ihre angebliche besondere Bedeutung und Höherwertigkeit unterstrichen wird ("Ellenbogen-Training"). Die Kinder werden also zur Arroganz. Intoleranz, zum Neid, zur Gier und zum Anspruchsdenken erzogen (Fiedler 1994, Seite258 f.).

Eine dialektische Theorie der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Therapie

Aus psychoanalytischer Sicht ist laut Kernberg (1988, 287 ff.) der wichtigste Aspekt der Behandlung narzisstischer Persönlichkeiten die Analyse des "pathologischen Größen-Selbst". Der Patient benutze das Größenselbst, um das Auftauchen der abgespaltenen, verdrängten und projizierten Anteile der Selbst- und Objektvorstellungen zu verhindern. Der Patient idealisiere sich selbst und projiziert diese Idealisierung zugleich auf den Analytiker. Dadurch entstünde der Eindruck, dass nur eine grandiose Person im Behandlungszimmer sei - und eine bewundernde, schattenhafte Ergänzung zu ihr. Der Analytiker muss nun u. a. den Mechanismus der "omnipotenten Kontrolle" interpretieren, durch den der Patient versucht, den Analytiker nach seinen Bedürfnissen umzuformen. Dies würde früher oder später Wut und Zorn auf Seiten des Patienten auslösen. Der Analytiker müsse diese Reaktionen aushalten und sich dann bemühen, die positiven und die negativen Aspekte der Beziehung des Patienten zum Therapeuten zu integrieren.

Die Kognitive Therapie entwickelt Strategien, um die narzisstischen Einstellungen zu modifizieren. So könnte der Patient beispielsweise angeregt werden, nach Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen zu suchen, um dem narzisstischen Größen-Vorstellungen entgegenzuwirken. Phantasien unbegrenzter Macht und Schönheit sollen durch Phantasien ersetzt werden, die sich auf realistische Bedürfnisbefriedigungen durch alltägliche Ereignisse konzentrieren. Durch "Systematische Desensibilisierung" hilft der Kognitive Therapeut dem Patienten, seine Empfindlichkeit gegenüber Bewertungen durch andere abzubauen. Der Patient wird u. U. aufgefordert, andere Menschen um Rückmeldung über sein eigenes Verhalten zu bitten. Ein wesentliches Ziel besteht auch darin, dem Patienten seine mangelnde Empathie bewusst zu machen. Durch Rollenspiele mit Rollentausch soll der Narzisst lernen, sich in seine Mitmenschen einzufühlen und die Dinge aus deren Perspektive zu betrachten (Beck u. a. 1993, 205 ff.).

Literatur

Beck, A. T. u. a.: Kognitive Therapie der Persönlichkeitsstörungen. Weinheim (PsychologieVerlagsUnion) 1993
Fiedler, P.: Persönlichkeitsstörungen. Weinheim (PsychologieVerlagsUnion) 1994
Kernberg, O. F.: Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. Stuttgart (Klett-Cotta) 1988
Tschanz, B. T.: Gender differences in the structure of narcissism: a multi-sample analysis of the narcissistic personality inventory. Sex Roles: A Journal of Research. May, 1998

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