Psychoscripte

Dialektik des Narzissmus

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Strukturelle Bedingungen in modernen Industriegesellschaften unseres Typs begünstigen die Entwicklung Narzisstischer Persönlichkeitsstörungen.

Hier sind, stark vereinfacht dargestellt, vor allem zwei Faktoren relevant:

  1. Der für Industriegesellschaften hohe Konkurrenzdruck zwingt die Subjekte, sich selbst zu vermarkten. Dies betrifft nicht nur das Berufsleben, sondern zunehmend viele andere Bereiche der Gesellschaft. Erich Fromm spricht von der "Marketing-Persönlichkeit", die zum vorherrschenden Persönlichkeitstyp in modernen Industriegesellschaften geworden sei. Der Zwang zur Selbstvermarktung fördert gleichzeitig die Tendenz zu einem übersteigerten Selbstwertgefühl. Wer immer seinen besonderen Wert (auch im Vergleich mit anderen) herausstreichen muss, glaubt früher oder später selber daran.

    Die Tendenz zur Selbsterhöhung hat bereits einen eigenen Markt geschaffen. Das wichtigste "Produkt" vieler Motivationstrainings besteht in der narzisstischen Aufblähung der begeisterten Kundschaft, die sich auf diese Weise allen Stürmen des modernen Business gewappnet wähnt. Leider ist das Leben in diesem Fall nur zu oft wie eine Stecknadel. Und dann platzt der Ballon.

  2. Die Werbung weckt pausenlos Bedürfnisse, der in aller Regel die Mittel des Konsumenten übersteigen. Er kann sich also die seinem übersteigerten Selbstwertgefühl entsprechenden Konsumgüter nicht leisten. Gleichzeitig hat er meist auch nicht die Erfolge im Beruf und in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die er aufgrund seines aufgeblähten Selbstwertgefühls eigentlich haben müsste.

    Der Konsument ist also fast zwangsläufig chronisch unzufrieden. Diese Unzufriedenheit ist aber nicht konstruktiv, indem sie zum Motor der persönlichen Entwicklung wird. Denn zur immer nur vorübergehenden Bedürfnisbefriedigung bedarf sie keiner Güter, die dem seelischen Wachstum dienen. Dazu braucht sie vielmehr Produkte, die vor allem die Anerkennung, Bewunderung oder auch den Neid der Mitmenschen hervorrufen sollen. Dies ist im Grunde nichts anderes als narzisstische Zufuhr (Narcissistic Supply).

  3. Die heimliche Botschaft der Marktwirtschaft an die Konsumenten lautet: "Du bist nichts - Konsum ist alles." Bereits Erstklässler, oft schon die Kinder im Kindergarten haben diese Botschaft verinnerlicht. Wer keine Markenprodukte sein eigen nennt, der gilt nichts unter den Kameraden. So wird von Kindesbeinen an die Selbstwertregulation deformiert. Der chronische Mangel an Konsumgütern führt zu einem Minderwertigkeitserleben, dass beständig kompensiert werden muss.

Diese Faktoren erzeugen eine Psychodynamik, die zu einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen kann. Ihre Grundlage ist ein abgewehrtes Minderwertigkeitsgefühl, durch dessen unbewusstes Wirken das Überwertigkeitsgefühl außer Kontrolle gerät und zu massiven Konflikten im Umgang mit anderen und im Verhältnis zu sich selbst führen kann.Alkoholismus und Drogensucht sind ein häufiges Resultat dieser Abwehrmechanismen, da Rauschmittel die Erzeugung und Aufrechterhaltung narzisstischer Gefühle der Grandiosität fördern.

Natürlich sind nicht alle Menschen in Industriegesellschaften unseres Typs Narzisstische Persönlichkeiten. Dies bedeutet, dass die Betroffenen eine besondere Empfänglichkeit für diese Störung aufweisen. Die Empfänglichkeit beruht vermutlich gleichermaßen auf einer angeborenen Schwäche der Selbstwertregulation, auf dem elterlichen Erziehungsverhalten und anderen Milieu-Bedingungen und auf der sozialen Schichtzugehörigkeit.

Wer es aufgrund seines (ererbten) Vermögens gar nicht nötig hat, mit anderen zu konkurrieren und sich zudem viele Wünsche erfüllen kann, ist natürlich weniger gefährdet als die Heerscharen des "Kleinbürgertums". Auch unter den Outlaws, die zwar kein Geld in der Tasche haben, aber trotzdem glücklich sind, weil sie den Konventionen und Erwartungen der Gesellschaft keine oder nur wenig Bedeutung beimessen, laufen selbstverständlich ebenfalls in geringerem Maße Gefahr, an einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu erkranken.

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