
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Martin Hautzinger: Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen.
Weinheim (Psychologie Verlags Union) 2003
Günter Niklewski u. a.:
Depressionen überwinden.
Stiftung Warentest, 2000
Die Depression ist eine vielschichtige Erkrankung mit verschiedenen Unterformen. Die folgenden Symptome finden sich in unterschiedlichen Ausprägungen sehr häufig bei Menschen mit depressiven Störungen:

Die Ursachen der Depression sind noch unbekannt. Empirische Befunde deuten aber darauf hin, dass diese Störung durch ein Wechselspiel von Umwelt- und Erbfaktoren (Genetik) sowie neurobiologischer Prozesse hervorgerufen wird.
Es entspricht der alltäglichen Beobachtung, dass Depressionen häufig durch belastende Lebensereignisse (Tod einer geliebten Person, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes etc.) ausgelöst werden. Andererseits werden nicht alle Menschen, die starkem Stress ausgesetzt sind, deswegen depressiv. Dies bedeutet, dass einige Menschen besonders empfänglich dafür sind, auf extreme Belastungen mit Depressionen zu reagieren. Ein weiterer Faktor, der nicht das einzelne Individuum betrifft, ist die soziale Unterstützung in solchen Stress-Situationen.
Lange Zeit war die Fachwelt davon überzeugt, dass die Depression durch einen Mangel an den Botenstoffen (Neurotransmittern) Serotonin und Noradrenalin ausgelöst werde. Diese Hypothese wurde durch die Beobachtung bestärkt, dass Reserpin, ein Hochdruckmittel, das die Serotonin- und Noradrenalin-Spiegel senkt, Depressionen auslösen kann. Diese Hypothese musste dennoch im Licht neuerer empirischer Untersuchungen fallen gelassen werden. Erstens wurde festgestellt, dass Reserpin nur bei Menschen Depressionen hervorruft, die eine vorherbestehende Neigung zur Depression haben. Zweitens gibt es keinen zwingenden Beweis dafür, dass Depressive durchgängig unter niedrigen Serotonin- und Adrenalin-Spiegeln leiden (Valenstein 1998).
Es ist wahrscheinlich, dass Stress bei Depressiven zu einer übermäßigen Ausschüttung des Stress-Hormons Kortisol führt (Carroll et al. 1976). Dieser Prozess ist, wenn er einmal begonnen hat, schwer zu stoppen. Er kann entweder zum Beginn oder zur Verstärkung einer depressiven Episode führen.
Frauen, die als Kinder schwer sexuell missbraucht wurden (vollzogene oder versuchte Penetration) haben offenbar ein deutlich erhöhtes Risiko, als Erwachsene an einer Depression zu erkranken (Cheasty et al. 1998). Eine Studie an 17.000 erwachsenen Amerikanern zeigte, dass Menschen mit stark belastenden Kindheitserfahrungen ein 460 % höheres Risiko einer depressiven Erkrankung haben als Menschen ohne diese Erfahrungen (Felitti 2002).
Einen Hinweis auf genetische Einflüsse im Ursachenbündel der Depression liefern u. a. die Zwillingsstudien. Die Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen liegt im Mittel bei 65,1 %; bei den zweieiigen Zwillingen beträgt sie durchschnittlich 14 % (Andreasen & Black 1993, 189). Eine Konkordanzrate von X % sagt, einfach formuliert. folgendes: Wenn ein Zwilling depressiv ist, so leidet der andere mit einer Wahrscheinlichkeit von X % ebenfalls unter einer Depression.
Frauen erkranken doppelt so häufig an Depressionen wie Männer. Dieser Unterschied zeigt sich in verschiedenen Kulturen. Es ist naheliegend, hormonelle Faktoren für diese ungleiche Verteilung zwischen diesen Geschlechtern verantwortlich zu machen. Dies mag eine Erklärung sein. Man(n) sollte allerdings auch nicht vergessen, dass viele Frauen über Kulturgrenzen hinweg mit Doppelbelastungen konfrontiert sind (z. B. Kinder, Haushalt und Beruf). Außerdem ist die Depression bei Männern häufiger maskiert, Männer schrecken auch eher davor zurück, wegen einer Depression professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies könnte dazu führen, dass die Häufigkeit der Depression bei Männern unterschätzt wird.
Die Behandlung mit Psychopharmaka ist heute die weltweit populärste Form der Therapie Depressiver. Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kamen antidepressive Medikamente auf den Markt, die zwar auf zwei Drittel der Patienten mehr oder weniger positiv wirkten, die aber zugleich erhebliche Nebenwirkungen hatten (Sedierung, Mundtrockenheit, Hypotonie, Veränderungen der Erregungsleitung im Herz u. v. m.). Dabei handelte es sich um die sog. MAO-Hemmer sowie die tricyclischen Antidepressiva. In den achtziger Jahren wurde das Spektrum der Antidepressiva durch neue Medikamente bereichert, die sog. "zweite Generation". Diese Substanzen waren zwar nicht therapeutisch effektiver, aber einige der Nebenwirkungen (wie z. B. die Mundtrockenheit und die Veränderungen der Herzerregungsleitung) waren seltener (Julien 1997, 204 ff.).
Eine größere Zahl empirischer Studien zeigt, dass verschiedene Formen der Psychotherapie genauso effektiv, wenn nicht sogar wirksamer sind als die Antidepressiva - und dazu keine der z. T. gefährlichen Nebenwirkungen dieser Medikamente haben (Antonuccio & Danton 1995). Zu den effektiven Psychotherapien zählen:
Einige Fachleute sind davon überzeugt, dass in vielen Fällen die besten Ergebnisse durch eine Kombination von medikamentösen Behandlung und Psychotherapie erzielt werden können. Die empirischen Befunde zu dieser an sich plausiblen Hypothese sind allerdings widersprüchlich.
Andreasen, N. C. & Black, D. W.: Lehrbuch Psychiatrie.
Weinheim (PsychologieVerlagsUnion) 1993
Antonuccio, D. O. & Danton, W. G.: Psychotherapy Versus Medication
for Depression: Challanging the Conventional Wisdom with Data. Professional
Psychology: Research and Practice, Vol. 26, No. 6, 574-585, 1995
Carroll, B. J. et al.: Neuroendocrine regulation in depression.
I. Limbic system - adrenocortical dysfunction. Archive of General
Psychiatry, 33, 1039-1044, 1976
Cheasty, M. et al.: Relation between sexual abuse in childhood and
adult depression: a case control study). British Medical Journal,
316, 17 January 1998, 198-201
Felitti, V. J.: Belastungen in der Kindheit und Gesundheit im Erwachsenenalter:
die Verwandlung von Gold in Blei. Zeitschrift für Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie, 48, 359-369, 2002
Julien, R. M.: Drogen und Psychopharmaka. Heidelberg (Spektrum Akademischer
Verlag) 1997
Valenstein, E. S.: Blaming the Brain. New York (The Free Press)
1998
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