
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Marsha M. Linehan:
Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder.
Guilford Publications, 1993
Es gibt leider zur Zeit keine lieferbaren deutschen Übersetzungen
von Werken Linehans im Buchhandel.
James F. Masterson
Psychotherapie bei Borderline-Patienten.
Klett-Cotta, 1998
Die Diagnose "Borderline- Persönlichkeits- Störung" verteilt sich auf Männer und Frauen im Verhältnis von 4:1.
Die Selbstmord-Häufigkeit wird auf rund 10 % geschätzt; ca. 75 % der Borderline-Kranken unternehmen mindestens einen Selbstmord-Versuch.
Medikamente können zur Behandlung der Impulsivität, affektiven Instabilität und der gelegentlichen psychotischen Episoden sinnvoll sein. Patienten mit Borderline- Persönlichkeits- Störung neigen aber zu Überdosierung und Missbrauch. Daher setzt die medikamentöse Behandlung eine stabile Beziehung zwischen Arzt und Patient voraus.
Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung neigen dazu, die Welt nur in schwarzen und weißen Farben zu zeichnen; Zwischentöne werden nicht wahrgenommen oder verleugnet. Die anderen Menschen sind entweder nur und ausschließlich gut oder abgrundtief böse. Sie sind Teufel oder Engel, sie werden idealisiert oder entwertet. "Borderliner" schwanken häufig zwischen den Extremen, und ein Mensch, den sie heute anhimmeln, ist morgen für sie vielleicht schon "der letzte Dreck". Entsprechend instabil sind in der Regel ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Zwischen heißem Liebesrausch und eiskaltem Hass steht mitunter nur ein falsches Wort oder ein missverständlicher Blick. Den Kontrast dazu bildet ihr besonders auffälliges Bemühen, vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden ("Ich hasse Dich, verlass mich nicht!").
Diese Instabilität der Wahrnehmung und des Erlebens bezieht sich nicht nur auf andere Menschen, sondern auch auf das eigene Selbstbild. Mitunter haben die Betroffenen nur ein sehr verschwommenes Bild von sich selbst. Unrealistische und daher unerreichbare Ziele führen oft zur Selbstentwertung.
Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung sind häufig extrem impulsiv, haben sich nicht unter Kontrolle. Sie verschwenden Geld, haben übersteigerte sexuelle Bedürfnisse, missbrauchen Alkohol und andere Drogen, gefährden andere im Straßenverkehr durch besondere Rücksichtslosigkeit, neigen zu Fressanfällen und zu selbstverletzendem Verhalten (schneiden sich zum Beispiel mit Messern oder Rasierklingen). Besonders schwer fällt es ihnen, ihre Wut zu kontrollieren; die Borderline-Wut kann den Umgang mit einem Borderline-Kranken zur Hölle machen.
In der Regel leiden Borderline-Persönlichkeitsgestörte unter heftigen Stimmungsschwankungen; ihre Stimmungen sind sehr stark von außen beeinflussbar. Viele Borderline-Kranke sind höchstgradig selbstmordgefährdet.

Unter den Verhaltenstherapeuten zählt Marsha Linehan zu den besten Kennerinnen der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie entwickelte die sog. Dialektische Verhaltenstherapie, ursprünglich zur Behandlung höchstgradig selbstmordgefährdeter borderline-kranker Frauen. Nach ihrer Auffassung ist das Borderline-Syndrom eine Störung, von der insbesondere emotional verletzliche Menschen betroffen sind, die in einer entwertenden Umgebung aufwachsen. Emotional verletzliche Menschen reagieren exzessiv auf Stress. Eine entwertende Umwelt besteht aus Bezugspersonen, die Gefühlsäußerungen des Kindes nicht als wahren Ausdruck der Befindlichkeit akzeptieren und die alle Probleme und Schwierigkeiten des Kindes auf dessen mangelnde Motivation zurückführen. Entsprechend werden dem Kind negative Charaktereigenschaften zugeschrieben - und jedes Versagen wird als Bestätigung dieser Zuschreibung gewertet.
Empirische Studien zur Lebensgeschichte von Menschen mit Borderline-Störung zeigen durchgängig, dass diese Erkrankten überwiegend aus Familien mit gestörten Bindungen stammen und dass sehr häufig nahe Verwandte unter psychischen Störungen litten. Die vielfach geäußerte Hypothese, dass Borderline-Kranke weiblichen Geschlechts in aller Regel sexuell missbraucht worden seien, konnte durch die empirische Forschung nicht bestätigt werden (Salzman, J. P. u. a., 1997). Sexueller Missbrauch ist weder notwendig, noch hinreichend, um eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hervorzurufen.
Neuere neurobiologische Forschungen deuten darauf hin, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung mit Hirnstörungen verbunden ist. Diese sind offenbar für die Übererregung und den emotionalen Kontrollverlust mitverantwortlich (Bohus, M. u. a., 2004).
Die Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung gilt als überaus schwierig und anspruchsvoll. Jeder therapeutische Ansatz muss, bei aller Verschiedenheit, in erster Linie jene Persönlichkeitsmerkmale Borderline-Kranker berücksichtigen, die besonders bedrohlich sind oder unmittelbar die Therapie gefährden. Dazu zählen die hohe Impulsivität und Selbstmordgefährdung der Betroffenen.
Menschen mit Borderline-Syndrom neigen, wie bereits geschildert, zu einem Schwanken zwischen den Extremen. Die von Marsha Linehan entwickelte Therapieform versucht nun, eine Synthese, einen Mittelweg zwischen diesen Extremen zu finden. Die amerikanische Psychotherapeutin nennt die von ihr entwickelte Behandlungsmethode daher "Dialektische Verhaltenstherapie". Dialektik bedeutet, Widersprüche als Elemente der Wirklichkeit auszuhalten.
Und so bringt der Dialektische Verhaltenstherapeut dem Patienten uneingeschränkte Wertschätzung entgegen und fordert ihn zugleich zur Selbstveränderung heraus. Hierzu vermittelt die Therapie effektive Problemlösungstechniken und wirkt so der Neigung der Patienten, sich selbst zu entwerten, entgegen.
Die Therapie ist in Abschnitte untergliedert:
In allen Phasen sind Wertschätzung und Problemlösung die Leitmotive der Behandlung.
Der Psychoanalytiker Otto F. Kernberg (1988) praktiziert eine modifizierte Form der Psychoanalyse zur Behandlung von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Diese Form der Psychoanalyse konzentriert sich auf die pathologischen inneren Repräsentationen der äußeren Beziehungen des Patienten. Anders als in der klassischen Psychoanalyse unterstützt der Analytiker den Patienten durch Hilfen zur Strukturierung seines Alltagslebens.
Andere Psychotherapeuten sind der Auffassung, dass die psychoanalytische Deutung bei Borderline-Patienten zu einer Verschlimmerung ihrer Situation führen müsse. Der Therapeut müsse zwar die "primitiven Abwehrmechanismen" (z. B. den Wechsel zwischen Idealisierung und Verteufelung) seines Patienten erforschen, ihm dann aber mit nicht-analytischen Methoden helfen, sich besser an die Realität anzupassen. In diesem Fall arbeitet der Therapeut nicht mit den unbewussten Prozessen des Betroffenen, sondern beleuchtet die offensichtlichen Abwehr-Operationen und deren aktuelle Auswirkungen auf das Leben seines Patienten.
Bohus, M. u. a.: New developments in
the neurobiology of borderline personality disorder. Current Psychiatry
Report, 2004 Feb;6(11), 43-50
Kernberg, O. F.: Schwere Persönlichkeitsstörungen.
Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. Stuttgart (Klett-Cotta),
1988
Salzman, J. P. u. a.: Relationship of childhood
abuse and maternal attachment to the development of borderline personality
disorder. In: Zanarini, M. C. (ed.): The Role of Sexual Abuse in
the Etiology of Borderline Personality Disorder. American Psychiatric
Press, 1997, pp 71-92
Ursachen, Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
In meiner Web Site finden Sie Artikel zu den Themen "Psychologie", "Psychiatrie" und "Psychotherapie" sowie Gedichte, Geschichten, Romane, Sachbücher und Blogs zu psychopolitischen Fragen. Wählen Sie die Schaltflächen am oberen Seitenrand, um in die einzelnen Bereiche meiner Web Site zu gelangen. Hier geht's zu den neuesten Artikeln. Und hier zum Hauptmenü.
Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch